Aktuelle Texte

Auf dieser Seite gibt es aktuelle Texte, wie historische Abhandlungen, Predigten, Erzählungen oder auch Gedichte.

Allerdings steht hier immer nur ein Beitrag, der wöchentlich aktualisiert wird.


Ein denkwürdiges Telefonat - oder - wie ich fast zu einer Ausstellung in einer bedeutenden Galerie gekommen wäre

Galerist (G): Herrähh, äh Neumann-Norten, schön, dass es mit unserem Gespräch klappt. Um mal gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, unsere Galerie würde gern eine kleine Personal-Ausstellung mit Ihren Werken vornehmen, wir dachten da so an 10 Exponate, möglichst natürlich Arbeiten, die mit Ihrem „Mont-Saint-Michele.Bild“ korrespondieren. Sie werden verstehen, dass wir natürlich noch ein paar Eckdaten zu Ihrer Person brauchen, schließlich wollen wir ja wissen, mit wem wir es zu tun haben! Sie wissen ja, das Werk ist immer auch ein Abbild der Künstlerseele und umgekehrt oder auch beides, na ja egal, legen Sie mal los, wo haben Sie studiert?

 

            Ich: Also, um ehrlich zu sein, ich habe nicht Kunst sondern Theologie studiert, allerdings in den 80ern privaten Malunterricht bei einem bedeutenden Maler in Leipzig genommen.

 

            G.: (nach kurzem Schweigen) Ähm-äh, das klingt ja äußerst spannend, Seiteneinsteiger also. Aber Sie sind doch nicht etwa als Priester tätig?

 

            Ich: Nein, nein, außerdem habe ich nicht katholische, sondern evangelische Theologie studiert,  bin aber auch nicht als Pfarrer tätig.

 

            G.: Na, das ist doch schon mal was, einen malenden Priester, der vielleicht auch noch praktiziert könnten wir unserem Zielpublikum - weiß Gott - nicht verkaufen. Vermute ich richtig, dass es da einen Konflikt gab, der Sie aus den Armen der Kirche trieb? Ich meine, ich kann mir das gut vorstellen, Künstler sind ja doch alle im weitesten Sinne Freigeister, die sich eher weniger im Fahrwasser religiös und politisch konservativer Kreise rumdrücken.

 

            Ich: Nicht so ganz, mein Ausscheiden hing eher mit meinen politischen Aktivitäten in der damaligen DDR zusammen ...

 

            G.: (unterbricht mich) ... ach, interessant, sozusagen ein politisch verfolgter Künstler, aber andererseits waren Sie ja da noch gar kein Künstler ... hm ... hm ... Mal was ganz was anderes, womit verdienen Sie eigentlich Ihre Brötchen?

 

            Ich: Leider nicht mit der Malerei, aber der liebe Gott hat mir noch ein paar andere Gaben mit auf den Weg gegeben. Davon lässt es sich zwar nicht wirklich gut leben, aber zum Überleben reicht es.

 

            G.: Machen Sie es nicht so spannend, raus mit der Sprache, wovon lebt ein begnadeter Künstler im letzten Zipfel der Zone, Tschuldigung, der neuen Bundesländer?

 

            Ich: Na ja, ich bin nebenbei ein ganz passabler Musiker ...

 

            G.: (unterbricht mich) Großartig!!! ... da könnten Sie die musikalische Umrahmung Ihrer Vernissage gleich mitgestalten, Multitalent, Sie verstehen? Kommt immer gut an! ...

 

            Ich: ... und leite zwei Kirchenchöre, einen Männergesangsverein und begleite ziemlich häufig gottesdienstliche Veranstaltungen an der Orgel, wenn ich nicht gerade selber predige. Manchmal mache ich auch beides, gerade auf den Dörfern. Dann gebe ich noch Religionsunterricht und sitze für die CDU im Görlitzer Stadtrat.

 

            G.: (sehr langes Schweigen) ... Ah, ja! (nochmals sehr langes Schweigen) ... verstehe ich Sie richtig, Sie sind zwar aus der Kirche ausgetreten, aber arbeiten dennoch für diesen Verein ... da muss es Ihnen schon dreckig gehen oder?

 

            Ich.: Sie haben mich offensichtlich missverstanden, ich bin nicht aus der Kirche ausgetreten und bekomme hin und wieder auch künstlerische Aufträge im kirchlichen Bereich, allerdings mehr aus der katholischen Ecke.

 

            G.: Interessant, religiöse Kunst also, da sieht der Markt ganz schlecht aus ... ich sag‘s Ihnen ehrlich so richtig begeistert hat mich unser Gespräch noch nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch, Ihr Lebenslauf ist durchaus bemerkenswert, aber Ihre Story kommt bei unseren potentiellen Käufern nicht an! Sie führen ein ganz normales Leben, sind religiös und politisch eher rechts verortet ... Sie sind als Künstler schlichtweg kaum zu vermarkten. Ich lese hier nebenbei Ihre Kurzvita ... (mehr im Selbstgespräch) jüdische Wurzeln, da lässt sich derzeitig auch nichts draus machen ... Momentmal ... ich sehe gerade Ihr Geburtsjahr ... jetzt haben wir doch ein kleines Problem. ... Das ich da nicht gleich draufgekommen bin!

 

            Ich: Wieso?

 

            G.: Nun, sehen Sie, als Galeristen sind wir ja nicht nur den Künstlern und Rezipienten verpflichtet, sondern auch der Kunst selbst. Das ist sozusagen unsere wichtigste Aufgabe, die Kunst selbst voranzutreiben und die Talente, die sie hervorbringen. Es gibt da so ein ungeschriebenes Gesetz: Bis 35, höchstens 40 wird durch Galeristen gefördert, ab dann darf jeder selbst sehen, wie er weiterkommt. Es sei denn, es ist ein bislang unentdecktes Supertalent ... aber da muss dann eben auch die „Storry“ stimmen. Und bei Ihnen ...  na ja, wie gesagt. Wären Sie schon über 65, könnte man vielleicht was mit dem Lebenswerk machen. Aber so ... to old to rock‘n roll, to young to die ... Mick Jagger ...

 

            Ich: Jethro Tull!

 

            G.: Wie bitte?

 

            Ich: Der Titel ist von Jethro Tull.

 

            G.: Nie gehört! ... Also, was ich sagen will,  so sehr mir, ganz persönlich versteht sich,  Ihr sehr ambivalentes Werk gefällt ... und das meine ich ganz ehrlich ... ich sehe noch dringenden Beratungsbedarf im Team unserer Galerie ... ich rufe Sie zurück!

 

 

 

„Ganz ehrlich“ – diesen Satz hatte ich mehrfach vernommen, und mein Vertrauen in dessen Aufrichtigkeit war „ganz ehrlich“ ziemlich erschüttert. Insofern glaubte ich nicht an den angekündigten Rückruf. Doch ich sollte positiv überrascht werden. Keine 10 Minuten später klingelte erneut das Telefon.

 

 

 

                G.: Ganz ehrlich, hätten Sie erwartet, dass ich Sie so schnell nochmals kontaktiere?

 

              Ich: Nö!

 

            G.: Sehen Sie, wir sind nochmals alle Punkte durchgegangen und haben doch noch einen Schlupfwinkel gefunden, Sie dennoch unserer Öffentlichkeit präsentieren zu können. Das führt mich allerdings zu einer sehr persönlichen Frage. Sind Sie unter Umständen vielleicht schwul?

 

            Ich: Oh, damit kann ich beim besten Willen nicht dienen.

 

            G.: Das ist schade, sehr schade! Denn das hätte uns die Möglichkeit gegeben, Ihnen als Vertreter einer gesellschaftlich nach wie vor nicht voll akzeptierten ... wie soll ich sagen ... ähmäh Minderheit ... Raum zur Verwirklichung ... na Sie wissen schon ... wenn Sie doch wenigstens eine Frau oder anderer Hautfarbe wären ... aber da lässt sich wohl nichts machen. ... Wir melden uns wieder!

 

 

 

Darauf warte ich bis heute, aber ich bin guter Dinge, dass sich irgendwann die Galerie wieder meldet, und sei es erst in acht Jahren, da bin ich dann – so Gott will – 65 Jahre alt.