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Bilder des Wandels 1987 bis 1992

Naumburg/Saale: Am 13.April des Jahres 1988 wurde ich in einer kaum frequentierten Seitenstraße gegen 22.15 Uhr von einigen Skinheads fast zu Tode geprügelt. Sie beschimpfen mich als „Judensau“, „Kirchenschwein“ und „Volksverräter“. Viele Jahre später erfahre ich erst, dass sie von der Staatssicherheit angeheuert waren, mich als „politisch subversives Element“ auszuschalten.
 Das Bild: ... fängt den Augenblick ein, da ich am Boden liegend zum letzten Male den Fuß des Angreifers auf mein Gesicht zurasen sehe ... dann ist es für lange Zeit dunkel  ... eine Freundin, Betraix Schubutz, findet mich Stunden später, bringt mich zu ihrem Vater, einem Arzt, der mich wiederbelebt.
 Nach 14 Tagen werde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Die Patientenakten sind schon zuvor von der Stasi kassiert worden. Die Täter wurden – auch nach der „Wende“ – nie bestraft.

Porträt Walter Ulbricht (in Glasnot, 1988)

 

Seit Mitte der 1980er Jahre öffnete sich die damalige UdSSR für die Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte – nicht so die DDR. In oppositionellen Kreisen wurde die Aufarbeitung der stalinistischen Ära vorangetrieben und zugleich deren Wiedererstarken thematisiert.

 „Glasnot“, herausgegeben u.a. von Christoph Radtke und Michael Kleim (Naumburg/Leipzig) erschien von 1987 bis 1989 mit insgesamt acht Hefte in einer Auflage von maximal 50 Expl. Glasnot gehörte zu den wenigen Heften des künst-lerischen Samisdat, in dem neben lyrischen Texten, Grafiken und Fotos auch politische Texte zum Thema Stalinismus pu-bliziert werden. Die nebenstehenden Grafiken sind Entwürfe für Titelseiten, die allerdings aufgrund mangelnder Verviel-fältigungsmöglichkeiten nicht veröffentlicht werden konnten.

„Kristallnachtsgedenken 1988“
>Mit dem Aufbau des Sozialismus in der DDR<, verkündet durch die Einheitspartei verband sich eine Generalabsolution für alle dort lebenden Menschen. Per Dekret war man aus der Verantwortung  für begangenes Unrecht entlassen (worden). In einem Land ohne Täter ist kein Platz für Opfer. In 43 Jahren  hatten Partei und Staat die wenigen verbliebenen Juden ins Aus gedrängt. Entschädigungen wurden nicht gezahlt, Ent- eignungen nicht rückgängig gemacht und Wiedergut-machungen nicht diskutiert.
 „Das internationale Ansehen der DDR zu stärken“ (Formulierung aus einem Artikel im >Neuen Deutschland< vom 10. November 1988), waren die wenigen in der DDR verbliebenen Juden jedoch gerade recht.  Anlässlich der 50. Wiederkehr der Reichspogromnacht entdeckten Genossen und Funktionäre auf Anweisung ihr Herz für das Judentum.
 Das Bild: Eine Gruppe von 10 Funktionären hat sich zu einem Foto nach einer Gedenkfeier zusammengefunden. Die Gesichter sind leer und ohne Bezug zum Geschehen, die Bekleidung Einheitsmaschen. Und wie sonst, unterm Bild des Parteichefs, lassen sie sich in Ermangelung eines „richtigen Juden“ mit dem Bild eines solchen, zum Beweis ihrer Verbundenheit, ablichten. (Text auf der Rückseite des Bildes)

„Das Verhör“, 1989 (Rekonstruktion)
Die Frau in Zivil herrscht mich an: „Ausziehen! Alles! Auch die Unterhosen, Socken können Sie anlassen! Stellen Sie sich in den Kreis und bleiben Sie da stehen, bis die Genossen zur Vernehmung kommen! Unterstehen Sie sich, aus dem Kreis herauszutreten!“ Dann verbindet sie mir die Augen und verlässt den Raum, ich bleibe in vollkommener Dunkelheit. Nach vielen Stunden – vielleicht waren es auch nur Minuten – wird es um mich hell. Meine Augenbinde wird entfernt. Zwei Männer, einer in Uniform und einer in Zivil nehmen hinter einem Schreibtisch platz, richten eine Lampe auf mich und schweigen zunächst. Die Arme muss ich hinter dem Kopf verschränken. Sie zünden sich Zigaretten an und machen dann spöttische Bemerkungen über meine Blöße: „Man muss einen Mann nur nackig machen, um zu erkennen, dass er ein Zionist ist“. Eine Befragung gibt es nicht. Sie sagen, sie wüssten ohnehin alles über mich, sie wollten mir nur vorführen, wie man mit Staatsfeinden umgehen könne und dass mir weit Schlimmeres blühe, wenn ich so weitermachen würde ...

Die Ereignisse auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking (China) im Mai/Juni 1988 wurden in der DDR, was die offiziellen Verlautbarungen anbelangte, weitgehend tabuisiert. „Friedenstaube chinesisch“ und „Die Faust der Partei schlägt zu“ (Abb. links) waren zwei Plakatentwürfe für Protestkundgebungen, die allerdings nie stattfanden.
 „Festnahme“ und „Geißelung“ (Abb. oben) sind zwei Bilder des siebenteiligen Zyklus‘ „Chinesischer Kreuzweg“, die mit Mitteln christlicher Ikonographie auf die Ereignisse in Peking aufmerksam machen wollten. Die fünf weiteren Graphiken „Verhör“, „Ecce Homo“, „Zusammenbruch“, „Kreuzigung“ und „Grablegung“ sind verschollen.

„Wir haben Euch genug, GENOSSEN!“
Am Samstag den 30. September 1989 gründete sich in Naumburg/Saale eine Ortsgruppe des Demokratischen Aufbruchs. Der ehemalige Naumburger Studentenpfarrer Edelbert Richter hatte die Sammlungsbewegung am 26. September in Erfurt offiziell ins Leben gerufen. Während der Zusammenkunft sprach ein Teilnehmer davon, dass man „die Segnungen des Soztialismus lange genug genossen habe“ – die Idee für ein Bild und dessen Titel war geboren. Noch in der gleichen Nacht begann ich mit der Zeichnung. Doch die Ereignisse überstürzten sich, die politische Entwicklung bündelte alle Kräfte auf anderen Gebieten, so dass die Zeichnung erst Ende November zur Vollendung kam.

„Es geht aufwärts mit Deutschland“, 1990/91
Im nahe Naumburg gelegenen Saaleck trafen sich unter Polizeischutz hohe Vertreter alter Nazi-Seilschaften aus dem Westen mit neu rekrutierten Gefolgsleuten aus dem Osten zu „völkisch-nationalen Konferenzen“.
     An meiner Haustür klebten Plakate einer Vereinigung, die sich als Bollwerk gegen die „jüdisch-amerikanische Weltverschwörung“ verstand. Der Kinderwagen meiner ältesten Tochter, in der Durchfahrt des Hauses abgestellt, wurde in Brand gesteckt und die Tür zum Treppenhaus mit einem David-Stern beschmiert.
 Die Idee, eine Marionette darzustellen, deren Führungsschnüre durchtrennt sind, stand dabei am Anfang. Mit wenigen schwarzen Pinselstrichen warf ich die Grobskizze auf das weiß grundierte Holz – so, wie sie auch hier und heute noch zu sehen ist. Denn Marionetten waren (sind!) wir irgendwie alle, die einen an längeren, die anderen an kürzeren Schnüren. Wenn ein Puppenspieler sein Spiel beendet, werden seine Figuren wieder zu toten Gegenständen. Wie anders ist es doch bei Menschen, die nur wie Marionetten behandelt werden. Ihrer „Fesseln“ ledig beginnen sie sich frei zu bewegen und in welche Richtung sie ihre Schritte lenken, hängt im Wesentlichen davon ab, zu wessen Geistes Kind sie erzogen wurden. Lange blieb das Bild unvollendet. Erst im September 1991, als hunderte „brave Bürger“, angeführt von braunen Schlägern und Ideologen, in Hoyerswerda zunächst einen Vertragsarbeiter – und wenige Tage später ein Flüchtlings-Wohnheim angriffen, malte ich es fertig.

„Drei Neunte November“, 1992

„Drei Neunte November” versucht bildhaft zu machen, welche Ereignisse und Erinnerungen an deutsche Geschichte sich mit diesem Datum verbinden. Es ist ganz und gar in den Farben Schwarz-Rot-Gold gehalten. Es entstand im November des Jahres 1992 auf der Platte eines alten Tapeziertisches.
 Am ersten „9. November“, dem des Jahres 1918, erfolgte die Proklamation der ersten Deutschen Republik.
 Der zweite „Neunte November”, genau 20 Jahre später, erinnert hingegen, wie kein zweites Datum in der deutschen Geschichte, an die unendliche Verblendung, die sich eines Volkes bemächtigen kann, wenn es Gott nicht mehr vor Augen hat und für die Verbrechen, die es in dieser Gottvergessenheit zu begehen oder wenigstens zu dulden bereit ist. Er markiert den Punkt, da die im nationalsozialistischen Deutschland schon lang praktizierte, durch Gesetze und Verordnungen legitimierte Judenfeindlichkeit in rohe Gewalt umschlug. Und so erhebt sich über allem hoffnungsvollen Jubel angesichts der zu erwartenden Veränderungen bedrohend – angedeutet mit nur wenigen Strichen – die brennende Synagoge mit den verlöschenden Kerzen der Menora.
     Der dritte „Neunte November”, der des Jahres 1989, ist dagegen wieder mit guten Erinnerungen behaftet, eröffnete sich doch dem deutschen Volk mit der an diesem Tage erfolgten Öffnung der Mauer eine gemeinsame Perspektive.
        Jeder Neubeginn, wenn Menschen ihn gestalten, trägt beides in sich, den Keim des Guten ebenso, wie den des Bösen und es liegt im Vermögen des Menschen den einen, wie den anderen hervorkommen zu lassen.